Jean Paul – Im Kampaner Thal – 1797


Es wird Frühling und damit kommt für mich die Zeit, euch ein seltsames Buch aus dem Jahr 1797 vorzustellen, das ich in meinem Bücherregal gefunden habe. Ich weiß gar nicht, wie es dort hinein kam.

Es sieht von außen nicht sehr gut aus, vielleicht buchbindere ich ein wenig daran herum, aber innen ist es prima erhalten.

Der Titel dieses Büchleins lautet „Das Kampaner Thal oder über die Unsterblichkeit der Seele; nebst einer Erklärung der Holzschnitte unter den 10 Geboten des Katechismus. von Jean Paul.“ Erschienen in meiner Heimatstadt Erfurt vor bald einem viertel Jahrtausend, 1797. Auf Wikipedia steht, das Werk sei „im Mai 1797 bei August Hennings in Gera erschien[en]“, was ich wie folgt widerlegen kann.

Das Buch an sich ist recht kurzweilig geschrieben, sobald man sich erstmal an die alte Sprache gewöhnt hat. Jean Paul, oder richtig Johann Paul Friedrich Richter war zu seiner Zeit recht bekannt und, besonders bei den Damen, sehr beliebt. Sein Schreibstil geht von skurriler Metaphorik über bittere Satire und endet nicht mit Gesellschaftskritik.

Wieso er die Stationen von 501 bis 507 durchnummeriert, konnte ich nicht herausfinden.

Der zweite Teil ist nach meiner Auffassung vollständig unabhängig vom ersten.

Interessant ist der Hinweis, dass die Erstausgabe von 1000 Stück auf 500 reduziert werden musste, weil 1797 nicht genug identisches Papier zu bekommen war, um 1000 Kopien zu drucken. Evtl. geht das noch auf die Folgen des Siebenjährigen Krieges von 1756 bis 1763 zwischen

Preußen, Großbritannien, Portugal, Braunschweig-Lüneburg, Braunschweig-Wolfenbüttel, Hessen-Kassel, Schaumburg-Lippe

und

Österreichs Habsburger, Frankreich, dem Russischen Kaiserreich, Schweden, dem Heiligen Römischen Reich, Spanien und Sachsen zurück.

Aber sehr gewissenhaft wurde bereits im Buch direkt auf vorhandene Druckfehler hingewiesen:

Es folgt der Vorbericht, der euch zeigt, was dieses Buch so ungewöhnlich für die Zeit macht. Man findet aus der Zeit vor 1800 ja massig Bücher, die das fromme Leben erklären, und die Kirche an- oder lobpreisen. Aber fröhliche Literatur ist vergleichsweise rar gesät.

Vorbericht

Der Mensch besteht aus zwei Theilen, aus Spas und Ernst, – und seine Glükseligkeit besteht daher aus höhern und aus niedern Freuden. Er gleicht dem zweiköpfigen Adler der Fabel, der mit dem einen niedergebükten Kopfe verzehrt, indes er mit dem andern umherblikt und wacht. (Das ‚ck‘ war damals offenbar noch nicht so beliebt.) Ich glaube, der Text lässt sich recht gut lesen, deshalb zeige ich euch den gesamten Vorbericht.

Hof im Voigtland. Ich musste nachschlagen. Ja, es liegt im Bayerischen Voigtland.

Los geht die eigentliche Reisebeschreibung „Das Kampaner Thal“

und so weiter, und so fort.

Die Einführung endet mit dem Satz – und hier erfahren wir dann doch, wieso es bei der 501. Station beginnt:

Ich habe scherzhaft meine Briefe an Viktor in Stationen zerfället: fünfhundert Stationen unterschlag‘ ich, wie natürlich, und fange mit der 501ten an, worin ich im Tale erscheine:

… aber hier wurde der tiefe feste Jüngling blaß, als er heraufkam und mir erzählte, daß der Liebhaber der bleichen Corday ihre langen gefalteten Hände auseinandergeworfen und auf seinen Knien an seinen wilden Mund angerissen habe.

Daß er mit dem Baron Wilhelmi und der Braut desselben, Gione, und ihrer Schwester, Nadine, bis nach Lausanne gereiset war, um mit ihnen bis ins Kampaner-Tal zu ihrer arkadischen Hochzeitfeier mitzugehen – das weißt du schon. Daß er sich in Lausanne von ihnen plötzlich wegriß und sich zurück an den Rheinfall zu Schaffhausen stellte – das weißt du auch; aber die Ursache nicht. Diese wird dir nun von ihm und mir erzählt.

Karlson sah in der täglichen Nähe endlich durch den enggegitterten Schleier Gionens durch, der über einen verwandten, groß und fest gezeichneten Charakter, den noch dazu die bräutliche Liebe magisch kolorierte, geworfen war. Karlson wurde von sich vermutlich viel später als von andern erraten: sein Herz wurde, wie im Wasser das sogenannte Weltauge, anfangs glänzend, dann wechselt‘ es die Farben, dann wurd‘ es ein Nebel und endlich transparent. Um das schöne Verhältnis nicht zu trüben, wandte er den verdächtigen Teil seiner Aufmerksamkeit auf ihre Schwester Nadine; er sagte mir nicht klar, ob er nicht diese in einen schönen Irrtum führte, ohne Gionen eine schöne Wahrheit zu nehmen.

Sehr gut gefällt mir, da weise gesprochen: „älter ist man leichter einzubüßen“.

Ich bin noch über diese Redewendung gestolpert: „weil wir vermutlich die Neuvermählten noch in den ersten acht Rosensirup-Tagen störten, da sie wahrscheinlich auf den lauern, dort spätern Frühling gewartet“. Kennt den Ausdruck jemand? Ist das eine alte Variante der Flitterwochen bzw. des Honeymoon?

Lasst uns etwas nach hinten springen.

Man beachte die Fußnote. War dem so?

Aber kommen wir nun zum zweiten Teil des Buches:

Es beginnt mit einer deprimierten Einsicht.

…, nicht einen neuen Fleischring an einem Leberwurm, geschweige einen am Saturn. – Dieser Verdruß ist vorbei: ich reihe mich nun an die Perlengarnitur der Entdecker dieses Säkuls noch vor dem Abschlusse desselben munter mit an.

Im Juni des vorigen Jahres bereisete ich Sachsen. Ich sah mich in Wittenberg unter den merkwürdigsten Merkwürdigkeiten als Reisender um und observierte zwei durch die Stadt laufende Bäche – namens die frische und die faule Bach – und einige eingefallne Schutthaufen aus dem siebenjährigen Krieg und einen Taufengel ohne Kopf. Meine Marschroute bestimmte mich dann nach Bleesern, einem Vorwerk an der Elbe, eigentlich bloß nach einer Wiese darneben, auf der ich dem jährlichen Juni-Wettrennen zusehen wollte.

Ich hatte ungefähr noch einige Kartaunenschüsse nach Bleesern, als ich hinter mir zwei Stimmen vernahm: »Zehen Paar Strümpfe hab‘ ich wenigstens gestrickt, seit ich Major bin.« – »Und wie lange bin ich Lieutenant und habe mein halbes Dutzend fertig bis auf ein paar Fersen?« Ich schauete mich nach den Offizieren um und wurde gewahr, daß der Major zweimal so lang war wie mein Arm und der Lieutenant etwan einen Schuß länger als meine Badine. Ich ließ diesen blau gekleideten Nachtrab heran und verwickelte ihn in ein Gespräch mit mir, um die niederstämmige Soldateska über eines und das andere auszufragen, was gedruckt werden konnte.

Man fragt höflicher wohin als woher (sogar sich, wenn man philosophiert): auch nach Bleesern gingen beide, der Major tats, um mit wettzurennen, und den Lieutenant hatte eine liebende Waffenbrüderschaft ihm nachgetrieben. Beide Offiziere waren, wie jeder Regimentsstab und jede Prima Plana, so sanft und still, so frei von Prätensionen, sprachen so wenig von Siegen über Damen und über Feinde, daß ich innerlich sagte: scharmante Kinder!

Aus dem Soldaten-Knabeninstitut waren beide. – Möcht‘ es nie längere Majore und Gemeine geben als die Annaburger, die keinem Menschen Haut oder Rock abskalpieren, sondern ihn vielmehr von Fuß auf bekleiden mit der Stricknadel und die zwar an hölzernen Beinen eine Freude haben, aber nur damit sie ihnen Strümpfe anversuchen! 

Ein Stück weiter wird vom Dresden-Besuch erzählt:

Hingegen der Dresdner Zwinger machte mir das Herz viel leichter; und es lässet sich denken, wenn man hört, was mir dort auf einem Kirschkern aufstieß. Wenigen geographischen Gelehrten ist nämlich der ikonologische Kirschkern unbekannt, den der Dresdner Zwinger den Fremden zeigt und den eine Wesenkette von 85 eingeschnittenen Gesichtern durchgräbt. Auch mir wurde der Kern gewiesen; und vorher das nötige Brenn- und Vergrößerungsglas dazu eingehändigt, ohne das keiner die 85 Physiognomien aus ihren hüpfenden Punkten und Rogen ausbrütet; aber hinter dem Brennglas sproßte aus dem figurierten Kern eine ganze Samenschule und Ahnenreihe auf.

Inzwischen war mir nichts frappanter darauf als das 70ste Gesicht. Mir war, als duz‘ es mich; ich schwur, ich kenne es. Endlich verfiel ich darauf, als schon einige Gassen mich vom Glase und vom Kerne getrennt hatten, daß die 70ste Physiognomie weiter keine andere sei, als die ich schon am abgeschossenen Seraphskopf in Bleesern gesehen. Leser, die nach Dresden gehen und welche die gegenwärtigen Reden und die künftigen in Holz geschnittenen Kniestücke dieser wenigen Bogen im Kopfe behalten, diese können, wenn sie im Zwinger bis zum 70sten Gesicht des Kernes zählen, dann leicht sehen, was an der Sache ist. Dazuzusetzen hab‘ ich nichts, als daß neulich einer im Reichsanzeiger eine Iconologia Lutheriana feilgeboten, d. h. eine Sammlung von 575 verschiednen Porträts, die man von Luthers Gesicht gemacht und die kaum auf ein halbes Dutzend Dresdner Kirschkerne zu bringen wären. Allein jeden großen Mann zeichnet oder verzeichnet die blinde Zeit fünfhundertundfünfundsiebzigmal, und er braucht, um der Nachwelt nicht einseitig abgeliefert zu werden, wenigstens 6 Kerne. Gewisse Gesichter, wie Luthers I. und Friedrichs II., werden niemals getroffen und niemals unkenntlich gemacht

und schließlich:

Hier ist ein schlechtes Inventar des Funds: ich hatte den Formschneider der 10 Holzschnitte für die 10 Gebote vor mir – er hieß Lorenz Krönlein – er war Salzrevisor im Sachsenland – die 10 Schnitte stellten nichts aus der biblischen Geschichte vor – sondern alles aus seiner eignen – sie haben eine ganz neue Erklärung nötig – diese erteilt sein Riß – seine gezeichnete Person zerfället er in 10 Gesichtslängen und Holzschnitte – für jedes Gebot eine Länge…. Genug zum Imbiß. Das ist aber ein geringer etwaniger Konspektus des Küchenzettels, den ich auf den folgenden Blättern meinen Deutschen vorzusetzen denke, samt Küchenpräsenten.

… worauf ich die ganze Geschichte fundiere, gleich anfangs scharf und hell gezeichnet vor den Leser rückte, nämlich Krönleins Charakter. Daher darf ich von jedem verlangen, den Holzschnitt des dritten Gebotes aufzuschlagen und nachzusehen: gerade unten an der Kanzel unter dem Hauptpastor sitzt unser Revisor. So sieht der echte Künstler aus, der sich durch Messer (zum Holzschneiden) verewigt und den nach langen späten Jahren Biographen kommentieren. Ich bitte, in sein stilles versenktes unbefangnes Gesicht an der Kanzel tiefer einzudringen. Die weichen Haare sind platt und schlicht über den Vorderkopf gestrichen, welches der Holzschnitt leicht durch gänzliche Weglassung derselben ausdrückt. Es ist viel Kindliches in dieser Physiognomie – und in der Historie noch mehr –, die gleich Kindern leicht errät und doch leicht betrogen, leicht vergibt und doch leicht erzürnet wird und die Spitzbuben geschickter abschaltet als abführt, leichter darstellt als bestellt, geschweige besiegt. Diese künstlerische Unbefangenheit geht so weit, daß ich mit Beistand seines Lettern-Konterfeies Dinge aus seinen 10 Platten gezogen und abgenommen habe, an die er gar niemals gedacht – zu seinem Glück, denn sie betreffen seine Frau –, und die doch ihre Richtigkeit haben.

Das 2. Gebot

Das 3. Gebot

Das 4. Gebot

Das 5. Gebot

Das 6. Gebot

Das 7. Gebot

Das 8. Gebot

Das 9. Gebot

Das 10. Gebot

Zum Ende kommen noch zwei Freudenstöcke. Das Wort leitet sich vom Druckstock ab.

Das Buch endet mit dem Absatz:

Aber du bist nun auseinander, oder vielmehr das Formbrett deines Leibes ist es – die Zeit hat dich, wie mein Traum, in ihrem Spiritus-Stundenglas geschmolzen – allein hab‘ ich nicht jetzt selber über deinen Geburtstag meinen vergessen und der Leser seinen? Und haben wir daran gedacht, daß alle unsere Entzückungen und Hoffnungen nur erquickende Töne sind, die uns im hiesigen absterbenden Leben umfließen, wie den Menschen, wenn ihm alle Sinnen brechen, oft Harmonien umringen, die nur dieser bleiche hört, damit vor ihm zugleich die Erde und der letzte Wohllaut hold-verbunden auseinanderzittern?

So war das mit dem Jean Paul. Fragen? Wünsche?

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