Die blaue Elise


In meiner kleinen Reihe an Beiträgen über Zeichentrickfilme kommt heute mein persönlicher Favorit: die blaue Elise.

Ich glaube, jeder von euch kennt sie und die meisten werden sie mögen, trotzdem oder gerade weil sie stets vom Pech verfolgt ist.

Sagte ich „sie“? Wusstet ihr, dass ähnlich wie bei den Pink Panther Cartoons aus dem vorigen Beitrag, auch bei der blauen Elise die deutsche Synchronisation recht eigenwillig gearbeitet hat? Und hier hat sie sogar noch einen draufgesetzt. Die blaue Elise ist nämlich eigentlich kein weiblicher Ameisenbär, sondern ein männliches Erdferkel. Im Original heißt die Serie auch „The Ant and the Aardvark“.

Vergleicht selbst.

Ameisenbär

Erdferkel

Nicht verwandt.

Wer mir nicht glaubt, schaut hier:

und hier die deutsche Version:

Und wie der Zufall es will, ist diese Folge auch meine Lieblingsfolge, weswegen ich mir zahlreiche Originalfolien von 1969/70 zugelegt habe. Sie sind inzwischen mit ihren 55 Jahren schon etwas schwieriger zu bekommen, aber meine Quelle hat einige sehr gut erhaltene Animation Cels.

Heute erkläre ich euch anhand einer einzelnen Folie, wie so eine Zeichentricksequenz entsteht. Dazu noch einmal die oben schon gezeigte erste Skizze und Folie aus Cartoon 806 („The Ant and The Aardvark – Scratch A Tiger“, Szene 42:

Was seht ihr hier? Zuerst gibt es den blauen nicht-reproduzierbaren Bleistift. Damit zeichnet der Master Zeichner seinen Entwurf für die Anfangsbewegung in dieser Sequenz. In meinem Fall war das Bob Richardson (Wikipedia), der auch an vielen anderen Trickfilmen maßgeblich beteiligt war. Ihr seht die blauen Linien deutlich als Entwurf.

Als nächstes zeichnte er auf Basis der blauen Skizze die Umrisse der Elise. Diesmal in schwarz und damit gut zu sehen.

An der rechten Seite seht ihr zusätzliche Infos für die „einfachen“ Zeichner. Denn als nächstes kommen sie zum Zug. Ihre Aufgabe ist es, aus dem Startbild eine Sequenz aus einer vorgegebenen Zahl an Bildern herzustellen. Ihr erinnert euch: 12 bis 24 Bilder pro Sekunde, je nach Geschwindigkeit der Bewegung.

Nehmt euch den oberen Link zum englischen Video, setzt die Wiedergabegeschwindigkeit auf 0.25 und springt zu 3:54. Nachdem die Ameise eingesaugt wurde, beginnt unsere Sequenz 42. Das erste Bild seht ihr oben. Am rechten Rand seht ihr eine Skala von 1 bis 6. Das sind die Anweisungen für die nächsten 5 Bilder. In Bild 2 geht die Elise ein Stück nach oben. In Bild 3 sind ihre Augen zu, wie dort angemalt. In 4 gehen sie wieder auf und in Bild 5 sind sie wieder offen.

Zum Zeitpunkt dieser Skizze gibt es noch keine einzige Folie. Die Zeichner haben vor sich einen Hefter, in dem das Papier mit zwei langen und einem runden Loch an der Unterseite festgeheftet ist. Unsere Skizze kommt zu unterst, darüber 5 leere Seiten. Und nun beginnt das animieren. Alle Teile, die sich nicht bewegen, können einfach durchgepaust werden. Bewegungen werden versetzt zum Bild darunter gezeichnet und durch schnelles Hin- und Herblättern der einen Seite erkennt man, ob die Bewegung gut aussieht.

Dasselbe wiederholt sich für jede weitere Seite.

Falls ihr euch fragt, wieso nur die Elise gezeichnet wird, obwohl sie im Film vor einem bunten Hintergrund zu sehen ist, hier die Erklärung: um den Zeichenaufwand so gering wie möglich zu halten, werden nur die bewegten Teile gezeichnet und die Folien über einen großen Hintergrund gelegt. Dieser kann dann für jedes einzelne Bild ein winziges Stück verschoben werden, um damit die Bewegung zu simulieren.

So ein Hintergrund sieht für diese Szene z.B. so aus:

Wie geht es aber nun weiter?

Als nächstes kommt der sogenannte Inker zum Einsatz. Er klemmt sich jedes einzelne Blatt in die oben erwähnte Arretierung und legt eine leere Folie darüber (die ist ebenfalls durch die Löcher fest am Platz). Nun zeichnet er die schwarzen Linien – und nur diese – sauber nach. Sie sind später die Umrisse von so ziemlich Allem in einem Cartoon.

Der letzte Schritt bei der Anfertigung der Folie ist das Ausmalen. Der Painter bekommt die Folie mit den Umrissen und eine Tabelle der Farben. In Cartoons werden meist sehr wenige Farben verwendet, damit der Aufwand auch hier gering gehalten wird. Trotzdem kann es vereinzelt zu Fehlern führen. Ein Beispiel zeige ich euch weiter unten.

Um die Umrisse der Zeichnung deutlich zu belassen und dem Painter seine Arbeit etwas zu erleichtern, wird die Folie auf der Rückseite ausgemalt. Zuerst die Pupillen, darüber das Weiße der Augen und zum Schluß der blaue Körper. Das sieht auf der Rückseite dann so aus.

Nicht wirklich schön, aber diese Seite sieht außer euch sonst niemand.

Und wie sieht es aus, wenn der Painter sich vertut? Das seht ihr an Position 3:36 des schon bekannten Videos. Klickt auf das Video und ihr landet sofort an der richtigen Stelle. Achtet auf den Pullover der Elise.

„Und wieso nur der Pullover?“ werdet ihr euch fragen. Auch hier wird Arbeit gespart. Wenn sich nur die Arme bewegen, der Rest des Körpers aber unbewegt bleibt, genügt es, eine Overlay-Folie anzufertigen.

Kopf:

Körper:

So kann man unter anderem auch Schleifen herstellen. Wenn ein Mund redet, genügen 3 oder 4 (bei japanischen Trickfilmen 2) Folien, die in einer Schleife immer wiederholt werden.

Doch das ist ein anderes Thema und wird beim nächsten Mal erklärt.

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