Grüße aus der Meiji-Ära


Zwei Postkarten wollte ich euch schon vor einigen Wochen vorstellen. Als ich neulich diesen Artikel schreiben wollte, musste ich feststellen, daß mein Kiautschou-Artikel auf den ich verweisen wollte, verschwunden war. Der ist nun vorgestern zum zweiten Mal veröffentlicht worden und ich hoffe, er bleibt, wo er ist.

Die Postkarten befanden sich in derselben Schachtel wie die meisten Kiautschou-Dinge. Das hat mich verwundert, weil das Datum der Poststempel 40.12.12 und 39.01.01 doch etwas spät anmuten. 1939/40 gab es schließlich keine deutschen Kolonien mehr.

Weit gefehlt: Die Karten stammen aus Japan (wie man eigentlich an den Briefmarken hätte erkennen sollen), das nie duetsche Kolonie war und wurden wahrscheinlich nur wegen ihrer exotisch anmutenden Schrift aus den deutschen Kolonien mitgebracht. Mein japanischer Kollege Mitsuhiro Sato und seine Frau Yuka haben mich über Datierungen in Japan aufgeklärt. Ähnlich wie zu Zeiten des römischen Imperiums wurden auch in Japan die Jahre nach Amtsantritt des Kaisers bzw. Tenno gezählt.

Postkarten Japan 1907

 

Meine beiden Karten stammen somit aus dem 39. bzw. 40. Regierungsjahr des Tenno Meiji, der dieser Epoche seinen Namen gab. Er wurde 1867 Tenno. Somit ist 1867 das Jahr 1 der Meiji-Ära. Das 39. Jahr ist demnach 1906 und alles macht plötzlich Sinn.

Aber was steht auf diesen 90 Jahre alten Karten drauf? Yuka Sato hat ihr Bestes gegeben und die alten japanischen Schriftzeichen so gut es ging gelesen. Hier die Übersetzung:

Die rechte Karte ist etwas einfacher, da sie weniger und größere Schriftzeichen enthält:

39.1.1 – Am Neujahrstag – Ein gesundes neues Jahr! Gesendet aus Osaka an Sugiyama-san in Kobe.

Die linke Karte ist da schon schwieriger. Ich schreibe die Vermutungen von Yuka Sato hier in der Ich-Form:

Die Karte wurde von einer jüngeren Schwester namens Shige an ihr älteres Geschwister (sehr wahrscheinlich ihren älteren Bruder) geschickt. Shige ging auf eine Mittlere Schule (vergleichbar mit den höheren Schulen in Deutschland zu dieser Zeit) und lebte in Otsu. Ihr Bruder lebte in Kyoto. (Ich vermute, es war ihr Bruder, da Mädchen der Besuch von Universitäten während der Meiji-Periode noch nicht gestattet war. Ein Name wird nicht genannt.)

Die Familie muß recht wohlhabend gewesen sein, da das Mädchen in eine Mittlere Schule ging und dort Musik, Englisch usw. lernte. Weiterhin schreibt sie sehr erfreut, daß sie sich in diesem Semester im Vergleich zum vorigen verbessert hat. Auch wenn Shige auf die Mittlere Schule gehen durfte, war das zu dieser Zeit dennoch ein seltenes Bild. Man darf vermuten, daß der Empfänger der Postkarte nicht zum arbeiten in Kyoto war, sondern zum lernen.

Und was schreibt Shige: Am 17. [zwei unleserliche Zeilen folgen] nach dem Semester, wird Mishima-san zum Haus seines Freundes in Kyoto und bleibt dort für eine Nacht bevor er zurück nach Kobe geht. Ich werde auch nach Kobe gehen.

Meine Examen in English, Moral, Wissenschaft, Geschichte, Etikette, Mathematik etc. sind alle abgelegt. Auch die Sägen-Teilnahme [Übersetzung nicht ganz sicher] ist beendet. Ich glaube, das Endergebnis dieses Semesters wird besser werden als das vorige Semester. Meine Winterferien beginnen am 24. Am 18. ist ein Fahnen-Fest in Otsu und alle Schüler der Mittleren Schule gehen hin.

Postkarten Japan 1907

 

Inzwischen dürfte Shige schon eine ganze Weile tot sein. Immerhin hat ihre Karte mit diesen Informationen überlebt.

Wer es noch nicht getan hat, sollte sich den Meiji-Artikel mal durchlesen. Wenn auch Mädchen noch nicht alles durften, hat er doch einige Reformen angestoßen. So verlor unter ihm z.B. der letzte Shogun seine Macht, die Samurai-Tradition wurde abgeschafft und Japan öffnete sich dem Westen. Das Feudalsystem fand sein Ende und der gregorianische Kalender seinen Anfang. (Damit dürfte es nach dieser Zeit keine Postkarten mehr mit der oben gezeigten Datierung gegeben haben. Ich hab die letzten!) 1889 gab Mutsuhito (so lautete sein Eigenname) Japan die erste Verfassung. 1912 ist er gestorben, begraben in Kyoto, geehrt mit diesem Schrein in Tokio.

 

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5 Kommentare zu „Grüße aus der Meiji-Ära

Gib deinen ab

  1. Hallo, Herr Moopenheimer!

    Was ich immer schon einmal wissen wollte: gab es 1895 eigentlich schon so etwas wie diese heute von Zeit zu Zeit angeforderten polizeilichen Führungszeugnisse?
    Wollte ich vor langer Zeit schon nachhaken, aber immer kam etwas dazwischen, also dachte ich mir, heute ist ein guter Tag, diese Frage endlich mal zu stellen!

    Liken

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