Kriegsgefangenschaft – kann so, kann so.


Dank des Genfer Abkommens III (Teil der Genfer Konventionen) haben Kriegsgefangene seit 1949 Rechte, die ihnen ein erträgliches Leben in der Gefangenschaft bis zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages ermöglichen soll. Bis 1949 galt der Vorläufer, das Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen.

Bedauerlicherweise hatten dieses Abkommen nicht alle wichtigen Staaten unterzeichnet. Ein Land fehlte: Sowjetrussland, wie es im Text des Abkommens heißt, hatte nur den Teil des Abkommens unterzeichnet, der „zur Verbesserung des Loses der Verwundeten und Kranken der Heere im Felde“ ausgehandelt wurde, nicht jedoch den Teil vom „Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen“. Das führte dazu, dass sich im Zweiten Weltkrieg die Rote Armee nicht an eine völkerrechtliche Behandlung der Kriegsgefangenen halten musste und die Wehrmacht sich im Gegenzug ebenfalls nicht daran halten wollte.

Über das unermessliche, entstandene Leid gibt es viele Bücher und Filme. In allen von ihnen konnte man eine Grundstimmung unter den Soldaten erkennen, die gegen Kriegsende zunahm: „Mach, dass du in das von den West-Alliierten besetzte Gebiet kommst, und begib dich dort in Gefangenschaft. Alles, nur nicht in russische Gefangenschaft!“

Bis zur Unterzeichnung der Genfer Konventionen im Jahr 1949 hatten sich die folgenden Staaten zur Einhaltung des Abkommens von 1929 verpflichtet: Südafrikanische Union, Deutsches Reich, Vereinigte Staaten von Amerika, Australien, Belgien, Bolivien, Brasilien, Bulgarien, Kolumbien, Kuba, Dominikanische Republik, Estland, Großbritannien und Nordirland, Kanada, Chile, China, Dänemark, Ägypten, Spanien, Finnland, Frankreich, Griechenland, Indien, Irak, Italien, Japan, Lettland, Mexiko, Norwegen, Neuseeland, Niederlande, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Schweiz, Türkei, Jugoslawien, Iran, Luxemburg, Nikaragua, Siam, Tschechoslowakei, Ungarn, Uruguay, Venezuela.

Den heute vorgestellten Brief habe ich vor einiger Zeit auf einem Trödelmarkt gekauft, um ihn vor der Altpapiertonne zu retten. Obergefreiter Paul Biedermann aus Alterode (Harz) geriet als Wehrmachtssoldat in Gefangenschaft und hat zumindest einen Teil seiner fast einjährigen Kriegsgefangenschaft im Kriegsgefangenenlager 2228 in Overijse/Terlanen in Belgien verbracht. Dort war er nicht allein.

Das POW Camp 2228 war das größte Kriegsgefangenenlager auf kontinentaleuropäischem Boden und hatte einige (später) berühmte Insassen. Gesichert gilt Heinrich Böll, nicht verifiziert ist Günter Grass. Diese Info habe ich aus dem hier verlinkten Amateurvideo gezogen.

Auf der Vorderseite des Briefes kann man am Stempel ersehen, dass der am 1. März 1946 abgeschickte Brief ungeöffnet zurückkam. „RETURN TO SENDER“ Wieso? Wir wissen es nicht. Herr Biedermann könnte entlassen worden sein und war vielleicht sogar noch vor dem Brief wieder zu Hause. Allerdings habe ich andere zurückgegangene Briefe gesehen, auf denen handschriftlich oder aufgestempelt „Entlassen“ stand. Die zweite Zeile des Diagonalen Stempels „NOT AT 2228 PW CAMP / NEUE ANSCHRIFT ABWARTEN“ könnte ein Hinweis darauf sein, dass er in ein anderes Lager verlegt wurde.

Und wen es interessiert, was seine liebe Frau Margarete ihm ein knappes Jahr nach Kriegsende geschrieben hat, der kann hier sein Glück versuchen oder einfach unter dem Bild meine versuchte Abschrift lesen. (Die Schreibfehler sind nicht von mir.)

Alterode, den 1. März. 1946

Lieber Vati!

Heute morgen will ich Dir nun noch ein bischen schreiben. Vielleicht ist es umsonst, daß du schon entlassen bist und mein Brief erreicht dich gar nicht mehr. Vorgestern hatte ich Nachricht von Otto Zufelden, da bin ich gestern gleich mal hoch gefahren, ich dachte er konnte mich genaueres sagen, aber leider war er auch nicht viel positiefer. Aber was macht man nicht alles. Trude Freiberg war mit, es war ein furchtbarer Weg. Glatteis vom Forsthaus bis Alterode. Na es war dann wieder umsonst.

Ich denke nun auch immer du kommst bald, hoffentlich werde ich nicht so sehr enttäuscht. Bei uns ist heute morgen wieder Winter eingezogen. Wir dachten schon es würde Frühling, aber es ist noch vergebens. Wölfchen schläft noch, der war schon um 6 Uhr munter, jetzt ist er wieder eingeschlafen. Der war gestern bei Olli, das ist so was für den Cheff da ist er nicht viel im Kontor, die machen dann beide lauter Fratzen. Da kostet es meine ganze Überredungskunst um ihn wieder mit nach Hause zu nehmen, das ist doch zu schön. Jetzt muß ich nun aufhören, bleib schön gesund. Es grüßt und küßt Dich herzlich, Dein Wölfchen u. Mutti.

Hast Du den Brief erhalten, den Wölfchen Dir geschrieben hat.

Ich bin zuversichtlich, dass Paul Biedermann heil nach Hause gekommen ist, seinen Sohn aufwachsen sehen und ein friedliches Leben in einem der beiden Teile Deutschlands leben konnte. Viele andere hatten weniger Glück. Mein Opa zum Beispiel, wie wir von hier wissen.

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