Es wird nicht mehr gesungen! Arbeiter-Liederbuch für Massen-Gesang


Arbeiterlieder gehören zu einer interessanten Rubrik des Liedguts. Sie dienen der Bekundung gleicher Interessen, der Begleitung bei Wanderungen oder zur Unterhaltung bei einem gemütlichen Beisammensein.

Meistens sind diese Lieder politisch thematisiert und oft wurden in der Geschichte erfolgreiche Lieder an die jeweilige Gesinnung oder Regierung angepasst und mit neuem Text aber alter Melodie wiederverwendet.

Das hatte ich euch bereits ausführlich in den Artikeln „In einem Polenstädtchen“ und „Der kleine Trompeter“ gezeigt. Aber es gab auch unschöne Entwicklungen, wie ihr in meinem Artikel über die Liederbücher der Hitlerjugend lesen konntet.

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910

Heute wollen wir uns dieses kleine Liederbüchlein anschauen, das – 1910 erschienen – zu einer Zeit im Umlauf war, als die Arbeiter noch für ihre Rechte kämpfen mussten, in Großstädten wie Berlin das Elend unter der Arbeiterschaft herrschte (ich erinnere an meinen Artikel über Heinrich Zilles Buch Hurengespräche, in der er anschaulich schreibt und zeichnet, wie zu dieser Zeit besonders die Frauen und Mädchen gezwungen waren, auch ihr letztes bisschen Selbstachtung zur Befriedigung der Männer für ein paar Pfennige aufzugeben) und schließlich die Wohnungssituation dazu beitrug, dass ganze Familien billigend Krankheiten ausgesetzt wurden, ohne dass es eine Möglichkeit der Heilung gab.

Mein kleines Liederbuch enthält 23 Lieder. Wer neugierig ist, kann einen Blick ins Inhalts-Verzeichnis werfen:

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, Inhaltsverzeichnis

Es wäre nur eines von vielen Liederbüchern, wenn dieses hier nicht eine Geschichte aufzuweisen hätte, die es als Exponat für mein Museum qualifiziert hat.

Arbeiter-Liederbuch - Vorwort mit dem Urteil zum Verbot einiger Liedtexte.

Die Texte der Lieder Die Arbeitsmänner und Die Internationale enthalten durch ihren Aufruf zur Revolution eine „Anreizung verschiedener Klassen der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten (§ 130 Strafgesetzbuch)

Ich habe auf der Seite www.anachismus.at den Text des Arbeitsmänner-Liedes gefunden. Lest selbst:

Die Arbeitsmänner

Wer schafft das Gold zu tage?
Wer hämmert Erz und Stein?
Wer webet Tuch und Seide?
Wer bauet Korn und Wein?
Wer gibt den Reichen all ihr Brot
und lebt dabei in bitt’rer Not?

Das sind die Arbeitsmänner, das Proletariat!
Das sind die Arbeitsmänner, das Proletariat!

Wer plagt vom frühen Morgen
sich bis zu späten Nacht?
Wer schafft für andere Schätze,
Bequemlichkeit und Pracht?
Wer treibt allein das Weltrad
und hat dafür kein Recht im Staat?

Das sind die Arbeitsmänner, das Proletariat!
Das sind die Arbeitsmänner, das Proletariat!

Wer war von jeher geknechtet
von der Tyrannenbrut?
Wer musste für sie kämpfen
und opfern oft sein Blut?
Oh Volk, erkenn, dass du es bist,
das immerfort betrogen ist!

Wacht auf ihr Arbeitsmänner! Auf, Proletariat!
Wacht auf ihr Arbeitsmänner! Auf, Proletariat!

Rafft eure Kraft zusammen
und schwört zur Fahne rot!
Kämpft mutig für die Freiheit!
Erkämpft euch bessres Brot!
Beschleunigt der Despoten Fall!
Schafft Frieden, denn dem Weltenall!

Zum Kampf, ihr Arbeitsmänner! Auf, Proletariat!
Zum Kampf, ihr Arbeitsmänner! Auf, Proletariat!

Ihr habt die Macht in Händen,
wenn ihr nur einig seid.
Drum haltet fest zusammen,
dann seid ihr bald befreit.
Drängt Sturmschritt vorwärts in den Streit,
wenn auch der Feind Kartätschen speit!


Dann siegt ihr, Arbeitsmänner! Das Proletariat!
Dann siegt ihr, Arbeitsmänner! Das Proletariat!

Ich muß gestehen, dass ich trotz DDR-Kindheit gerade mal den Refrain der Internationale kenne. Für alle, denen es ähnlich geht, drucke ich hier die deutsche Version ab, wie ihr sie in Wikipedia finden könnt:

Die Internationale

Deutscher Text (Emil Luckhardt, 1910)

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!

|: Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht. 😐

Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
Leeres Wort: des Armen Rechte,
Leeres Wort: des Reichen Pflicht!
Unmündig nennt man uns und Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!

|: Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht. 😐

In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
wir sind die stärkste der Partei’n
Die Müßiggänger schiebt beiseite!
Diese Welt muss unser sein;
Unser Blut sei nicht mehr der Raben,
Nicht der mächt’gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben
dann scheint die Sonn‘ ohn‘ Unterlass!

|: Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht. 😐

An diesen beiden Texten zeigt sich, dass die Angst der herrschenden Klasse durchaus berechtigt war. Die Übersetzung von Emil Luckhardt stammt aus demselben Jahr, in dem das Liederbuch erschien. Es ist nicht gesichert, dass dieser Text ursprünglich bereits verwendet wurde.

So elegant wie die Franzosen haben wir unsere Revolution nicht hinbekommen, aber nachdem die Arbeiter sieben Jahre lang das Singen mit diesem Liederbuch üben konnten, kam ja die Oktoberrevolution in Russland und hat einiges in Bewegung versetzt.

Es gibt im Buch mehrere Marseillaisen. Die erste seht ihr oben. Die hinteren Strophen kommen hier, gefolgt von einer weiteren Version, der Preußischen Wahlrechts-Marseillaise:

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910 - Preußische Wahlrechts-Marseillaise

Die Fortsetzung und der Sozialistenmarsch (hier mit dem Hinweis, dass der Abdruck freigegeben wurde) und die Weihnachts-Marseillaise:

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910 - Sozialistenmarsch und Weihnachts-Marseillaise


Aber auch beliebte Lieder der Monarchietreuen wurden mit neuen Texten versehen. Schaut euch hier die Version von „Heil dir im Siegerkranz“ an:

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910 - Heil dir im Siegerkranz Version: "Aufruf an die Arbeiter"

Sozialisten auf der Reis‘“ gesungen nach der Melodie von „Auf der Festung Königstein“:

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910 - Sozialisten auf der Reis'

Fortsetzung und Stolz weht die Fahne purpurrot:

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910 - Sozialisten auf der Reis' und Stolz weht die Fahne purpurrot
Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910 - Völker-Frühling

Ein interessantes und leicht übersehenes Detail zur Arbeit in damaliger Zeit – ein Acht-Stunden-Tag, wie wir ihn heute kennen und den viele trotzdem als zu anstrengend ansehen, war damals eine schöne Utopie. Hier ein Kampflied für den Achtstundentag. Wikipedia weiß zu berichten, dass die Degussa – die DEutsche Gold- Und Silber-Scheide-Anstalt – der erste Arbeitgeber Deutschlands war, bei dem ab 1884 der Acht-Stunden-Tag galt.

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910 - Völker-Frühling und Achtstunden-Marseillaise

Noch einmal zwei Lieder, die mit neuen Texten auf alten Melodien basieren – hier die Wacht am Rhein und Strömt herbei, ihr Völkerscharen.

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910 - Achtstunden-Marseillaise, Am 1. Mai, Frühlings-Morgenrot

Und gleich folgen zwei weitere Lieder auf die Melodien der vorigen Seite:

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910

Eine weitere Marseillaise-Version:

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910
Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910

Zum Schluß ein Inhaltsverzeichnis, sortiert nach den Liedanfängen, denn wie oft kennt man den Anfang des Liedes, aber nicht den tatsächlichen Titel.

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910 - Inhaltsverzeichnis mit Liedanfängen

Wer sich für einen Liedtext interessiert, aber die alte Schrift nicht lesen kann, der meldet sich einfach bei mir.

Arbeiter Liederbuch für Massengesang, 1910 - Preis 10 Pfennig
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